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Erziehung kann gelingen – Respektvoller Umgang zwischen Eltern, Kindern und Lehrern notwendig

Das Thema Werteerziehung wurde vom Bayerischen Kultusministerium unter dem Motto „Werte machen stark“ aufgegriffen.

Der Elternbeirat der Kastulus-Realschule Moosburg veranstaltete dazu am 3. Juni 2008 für Eltern und Lehrer einen Vortrag zum Thema: Werte machen stark – Vorbilder dringen tiefer als Worte. Ein Beitrag von Manuela Engl

Frau Heidi Schels, die Referentin an diesem Abend ist Familientherapeutin und Supervisorin in Freising brachte den interessierten Eltern und Lehrern an diesem Abend wertvolle Aspekte der „Werteerziehung“ auf sehr anschauliche und humorvolle Weise mit vielen Beispielen aus der Praxis nahe.

Nach Darstellung von Frau Schels liegt eine der Ursachen des zu beobachtenden Werteverlustes in allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen:

Früher wurde die Struktur von einer starren traditionellen Gesellschaft von außen vorgegeben. Die Erziehung erfolgte über die Disziplinierung. „Im Moment erleben wir die Auflösung dieser äußeren Strukturen, die bisher immer irgendwie dem Kind Halt gegeben haben“, stellte Frau Schels fest.

„Man darf aber das äußere „Skelett“ nur wegnehmen, wenn man dafür ein „inneres“ entwickelt hat“, erklärte Schels. Und das ist die große Herausforderung für Eltern und Lehrer, gemeinsam das Kind zu unterstützen, eine innere Struktur, eine Haltung zu entwickeln.

Innere Haltungen können allerdings nur durch Vorbilder entstehen. Und Vorbilder sind Menschen, die für das Kind bedeutsam sind und die derartige Haltungen haben und auch vorleben.

Eine Grundlage für den Aufbau einer inneren Struktur ist die Bindung zu einer festen Bezugsperson, die dem Heranwachsenden Sicherheit bietet. Diese Sicherheit wird dadurch gefestigt, dass das Kind erfährt, jemanden in seinem sozialen Umfeld zu haben, der Unterstützung bietet, wenn es nicht mehr weiter weiß. In der Regel sind das die Eltern und Lehrer. Heutzutage besteht allerdings die Gefahr, dass die Eltern zu schnell versuchen, den Kindern die Probleme aus dem Weg zu schaffen, anstatt das Kind auf einem schwierigeren Weg zu begleiten und gemeinsam den Konflikt zu lösen. Das Kind soll lernen, das Prinzip der Selbstwirksamkeit anzuwenden, das heißt, das Kind macht die Erfahrung, wie es aus eigener Kraft ein Problem lösen kann.

Dazu ist allerdings Voraussetzung, dass das Kind schon einmal erlebt hat, etwas geschafft zu haben. Nur dann kann es auf die eigenen Ressourcen zurückgreifen.

Kinder, die nur Misserfolge erleben, die nur kritisiert werden, die beschämt oder gar verspottet werden, finden kaum einen Zugang dazu, die Probleme selbst zu lösen.

Frau Schels stellte dar, dass in der alten Industriegesellschaft des vorigen Jahrhunderts die Menschen das in der Schule erworbene Wissen ein ganzes Leben lang anwenden mussten. Deshalb brauchten sie gut eingeprägtes Sachwissen und solide Kenntnisse, auf die sie zeitlebens zurückgreifen konnten. Das Auswendiglernen spielte hier eine entscheidende Rolle. In der Wissens- und Ideengesellschaft des 21. Jahrhunderts hat sich dieser Wissenspool enorm erweitert. Nun kommt es immer stärker darauf an, neue Herausforderungen annehmen und unbekannte Probleme lösen zu können. „Für die Schulen stellt dies eine große Herausforderung dar“, stellte Schels fest. Die Schule wird ihre Schüler daher künftig nicht nur auf die Durchführung von Routinen, sondern in erster Linie auf die Bewältigung von Vielheit und Offenheit vorbereiten müssen. Damit ändert sich aber schlagartig auch die traditionelle Vorstellung von Bildung und Erziehung. Überall dort, wo Bildung stattfindet, geht es nun viel stärker um die Aneignung so genannter Metakompetenzen, um die Entwicklung von Haltungen und Einstellungen, um die Bereitschaft, sich auf neue Herausforderungen einzulassen, um die Lust am Entdecken und Gestalten, um Engagement, Teamfähigkeit und Verantwortungsbe-reitschaft.

Die Hirnforscher haben in den letzten 10 Jahren eine Vielzahl von Erkenntnissen darüber gewonnen, wie das Lernen funktioniert, unter welchen Voraussetzungen Bildungsprozesse gelingen können und unter welchen sie scheitern,  unter welchen Bedingungen Kindern die Lust am Lernen, am Entdecken und am Gestalten entsteht und unter welchen sie vergeht.

Die Grunderkenntnis der modernen Neurobiologie heißt: Kinder, und zwar alle Kinder, kommen mit einer unglaublichen Lust am eigenen Entdecken und Gestalten zur Welt. Nie wieder ist ein Mensch so neugierig und so entdeckerfreudig und so gestaltungslustig und so begeistert darauf, das Leben kennen zu lernen, wie am Anfang seines Lebens.

Diese Begeisterungsfähigkeit, diese enorme Lernlust und diese unglaubliche Offenheit der Kinder sind der eigentliche Schatz der frühen Kindheit. Und diesen Schatz müssen Eltern und Lehrer gemeinsam bewahren und hegen. Nach Ansicht von Frau Schels geht also weniger darum, mit Hilfe von Förderprogrammen und diversen Kursen Kindern immer schneller immer mehr Wissen beizubringen, als vielmehr um die Entwicklung von Programmen, die die Lust am Lernen wieder stärkt.

Frau Schels machte Eltern und Lehrern anhand zahlreicher Beispiele deutlich, welche „hirngerechte“ Voraussetzungen grundsätzlich für das Gelingen von Bildung und Erziehung notwendig sind.

Bildungsangebote sind nur dann wirksam,

1)     wenn sie „Sinn machen“, d. h. wenn sie bedeutsam und wichtig für das betreffende Kind sind, sei es auch nur, dass sich jemand über das, was das Kind gelernt hat, aufrichtig freut.

2)     wenn sie als eigene Erfahrung am ganzen Körper, mit allen Sinnen und unter emotionaler Beteiligung erfahren werden, wenn sie also „unter die Haut“ gehen. Denn nur dann wird das Hormon Dopamin ausgeschüttet, das neben den Botenstoffen Noradrenalin, Serotonin und Endorphine für die Verarbeitung von Informationen im Gehirn notwendig ist.

3)     wenn die so gewonnenen Einsichten, Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten sich im praktischen Leben als nützlich und vorteilhaft, d.h. sich als praktisch anwendbar erweisen, auch und gerade außerhalb der Schule.

Kinder und Jugendliche brauchen also nicht nur Aufgaben, an denen sie wachsen können, und Herausforderungen, die sie zu bewältigen lernen, sie brauchen auch Rahmenbedingungen, die es ihnen ermöglichen, sich diesen Aufgaben zu stellen und um diese Herausforderungen anzunehmen.

Anhand einer „Gärtnerweisheit“ veranschaulichte Frau Schels den Erziehungs-Prozess:

„Die Pflanzen wachsen nicht schneller, wenn man daran zieht“, so Schels.

Diese Weisheit wird ebenfalls durch die Befunde der Entwicklungsneurobiologen bestätigt. Die kleinen Pflänzchen muss man gießen, gelegentlich düngen und auch einigermaßen von Unkraut freihalten, damit sie optimal gedeihen können.

Auf die Kinder und Jugendlichen übertragen heißt das, wir brauchen eine neue Kultur in unseren Bildungseinrichtungen, eine Kultur der Wertschätzung, der Anerkennung, der Ermutigung und der gemeinsamen Anstrengung.

Kinder, die nur Misserfolge erleben, die nur kritisiert werden, die beschämt oder gar verspottet werden, finden kaum einen Zugang dazu, die Probleme selbst zu lösen und verlieren nach und nach die Lust am Lernen.

Welche Konflikte oft im Elternhaus und in der Schule zwischen Eltern, Kinder und Lehrern ausgetragen werden, wurde von Frau Schels abschließend anhand eines interaktiven Rollenspiels demonstriert.

Frau Rainer repräsentierte dabei die Kinder, Frau Sixt die Lehrer und Frau Engl die Eltern. Typische Aussagen und Anschuldigungen, die oft von Seiten der Eltern und Lehrer gemacht werden, wurden dabei von Frau Schels zitiert. So mancher Zuhörer konnte sich dabei wieder erkennen. Um den Kreislauf zu unterbrechen und den Konflikt zu lösen, ist es allerdings notwendig, dass sich die drei „Parteien“ mit Wertschätzung und gegenseitigem Respekt begegnen. Wie diese respektvolle und wertschätzende Begegnung aussehen könnte, erarbeitete die Referentin zusammen mit den Vertretern der drei Parteien in einem Rollenspiel.

Fazit an diesem Abend war die Erkenntnis, dass die zu Beginn der Veranstaltung von den Teilnehmern genannten Werte wie Respekt, Wertschätzung, Gerechtigkeit, Teamfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Vertrauen, Fairness und Ehrlichkeit nur dann als innere Struktur bei einem Kind  aufgebaut werden können, wenn Eltern und Lehrer in ihrer Vorbildfunktion diese Werte selbst leben, Konflikte konstruktiv lösen können und wenn sie gemeinsam im Rahmen ihrer Erziehungsfunktion an einem Strang ziehen. Darüber hinaus wurde allen Eltern und Lehrern bewusst gemacht, dass es notwendig ist, Kinder und Jugendliche feinfühlig wahrzunehmen, sie zu ermutigen und ihnen eigene wertvolle Erfahrungen machen zu lassen, um den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein.

 

Autorin: Manuela Engl, Elternbeirätin der Kastulus-Realschule Moosburg

manuela.engl(at)t-online.de

09. Juni 2008

 

17.06.2008 13:33 Alter: 11 Jahre