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Erfahrungsaustausch zur Schulverpflegung an G 8 - Gymnasien

ein Beitrag von Sylvia Schirmer, Mutter einer Schülerin des Münchner Dante Gymnasiums und ehemaliger Vorstand des Elternvereins Risto Dante e. V.. Die AOK- Krankenkasse, Abt. Prävention lädt Schulvertreter aus dem Landkreis München in die Hauptgeschäftsstelle nach München ein. Gelegenheit für einen Erfahrungsaustausch aus der Praxis.

Vertreten waren

 

  • Gym Oberhaching, mit HG Mathe macchiato, neue Mensa-Eröffnung nach den Osterferien 2008, für 2 Schulen, ca. 2000 Schüler,
  • Gym. Germering und Puchheim, Caterer Herr Haas, 2 Frisch-Koch-Mensen bereits mit großem Erfolg seit Sept. 2007 in Betrieb, ca. 1600 Essen pro Woche
  • Gym. Dante, Mensaeröffnung steht im Februar bevor, 2 Schulen, 2000 Schüler
  • Gym. Unterschleißheim
  • Herr Ködel, Großküchentechnik-Fachberater
  • Unsere Gastgeber: Frau Breitenberger, Frau Fiderer-Pielmeier, Herr Ragner, Fach-Beratung Ernährung der AOK-Geschäftsstelle

 

Bei dieser Gelegenheit ein herzliches Dankeschön den Gastgebern und Initiatoren der AOK-Geschäftsstelle München, die sich bereits seit Anbeginn des G 8 für das Thema Schulverpflegung einsetzen!

 

 

Ergebnisse und praktische Tipps der Veranstaltung in Stichpunkten

Hinweis: In Kursivschrift habe ich mir erlaubt, meine eigene Meinung unter einige Punkte zu setzen. Bitte überlesen Sie die einfach, wenn Ihnen der persönliche Gedankenaustausch in diesem Rahmen unpassend erscheint und Sie die reine Information wollen.

 

1. ÖFFNUNGSZEITEN

 

An den Mensen sind meist zwei Blockschichten vorgesehen, die durch die Stundenplan-Gestaltung unterstützt werden.

 

Die erste Schicht isst von 12:00 bis 13:00 Uhr,

die zweite Schicht von 13:00 bis 14:00 Uhr.

 

Gut genutzt wird ein zusätzliches Frühstücksangebot von 7:15 bis 8:00 Uhr.

 

Caterer Herr Haas informiert uns aus seiner täglichen Praxis. Er kocht frisch und betreibt zur Mensa den Pausenverkauf. Dazu hat er pro Gymnasium 6 Mitarbeiter eingestellt: vier Mitarbeiter auf € 400-Basis (3,25 Stunden pro Tag, Struktur auf das ganze Jahr unter Einberechnung der Ferienzeiten verteilt) und zwei Teilzeitkräfte (4 bis 6 Stunden pro Tag). Er selbst ist der gelernte Koch.

 

 

 

2. PAUSENVERKAUF

 

Der Pausenverkauf sollte unbedingt über den Caterer laufen! Erstens geht es dabei um ein abgestimmtes Ernährungskonzept und zweitens um die Verdienstmöglichkeit, die der Caterer braucht, um ein qualitativ hochwertiges Mittagessen zu einem niedrigen Preis in der Mensa anbieten zu können.

Der Pausenverkauf ist optimal durchgehend besetzt. In den pausenlosen Stundenwechseln geht der Rollladen für zehn Minuten runter, Die Kinder brauchen die Zeit, um die Klassenzimmer zu wechseln und sollen nicht durch den Verkauf abgelenkt werden. Aber während der Stunden ist jemand im Verkauf, um die Freistündler, etc. versorgen zu können. Das entspannt die Pausen selbst dann schon wieder sehr.

 

Mit dem Pausenverkauf haben die meisten von uns ein Problem. Die Hausmeister haben den Pausenverkauf gepachtet und treten damit mit dem Caterer der neuen Mensen in Konkurrenz. Sie haben meist das Privileg, Getränke zu verkaufen. Das ist definitiv ein Missstand, der neu geregelt gehört.

 

Die Lösung wird eines beherzten Schrittes bedürfen, Ich gehe jetzt mal so weit daran zu denken, den Hausmeistern eine Ablöse für ihre Pachtverträge zu bezahlen und sie so aus diesem Geschäft langfristig raus zu halten. Das klingt nun radikal, aber an dieser Regelung stellt sich unter anderem heraus, wie wichtig und ernsthaft es uns allen damit ist, unseren Kindern und Jugendlichen kompetente Partner für die Schulverpflegung an die Seite zu stellen.  Wer bezahlt das, die Stadt, die Gemeinden oder die Eltern?.

 

G 8 bindet die Schüler auf lange Frist vier Nachmittage in der Woche ein. Überlassen wir für diese Zeit die „Energieversorgung“ einem zwar handwerklich begabten aber ernährungstechnisch laienhaften Hausmeister?

 

Die Anforderungen an unsere Schüler sind hoch, die Schulwoche bedeutet Stress, sowohl das Lernen, als auch der Daueraufenthalt in dieser großen Schulfamilie. Unstrittig ist die Bedeutung von sozialer Eingebundenheit und gegenseitigem Respekt in Kombination mit einer gut verdaulichen „Vitalkost“.

Nur fünf Gymnasien nehmen an der Veranstaltung teil, sie vertreten aber bereits 10.000 junge Menschen, die das Thema betrifft. Die Zeitspanne der „Betroffenheit“ - acht wesentliche Entwicklungsjahre im Alter von 10 bis 18 Jahren. Und das über kommende Generationen hinweg. Die Prägung in dieser Zeit wird weitere Multiplikatoren haben, in künftige junge Familien hinein.

 

Sehen wir die alarmierenden Zahlen dicker Kinder und die Hochrechnung der Kosten für die Allgemeinheit künftiger Krankheitsbilder durch schlechte Ernährung, wird vielleicht deutlich: Es geht um einiges bei diesem Thema. Man spricht auch von positivem Rückkopplungseffekt, wenn ich den Kindern eine gesunde Ernährung nahe bringe, tragen es die Kinder vielleicht in ihre Familien hinein, in denen frisch kochen bereits verlernt wurde.

 

3. ESSENSAUSWAHL

 

Ein Free-Flow-Angebot, d.h. ohne Vorbestellung, ist gewünscht. Zwei Menüs, eines vegetarisch, eines mit Fleisch auf Komponentenbasis, sprich, man kann z. B. die Beilagen oder Soßen von beiden Menüs wählen und sich so individuell sein Essen zusammenstellen.

 

Womit man rechnen kann, ist die Nachfrage bei Salat-, Nudel- oder Beilagen-Buffet. Leichte Kost, dazu noch billiger. In den Mensen, die neben dem warmen Essen eine „Sandwich-Küche“  mit warm belegten Sandwichs anbieten, steigt die Essenszahl in der Sandwich-Küche und sinkt die Nachfrage nach warmem Essen. Auch das Fachpersonal der Kantine bei der AOK bestätigt: Das Beilagenbuffet ist der Renner. Darauf kann man sich einstellen, besonders an Schulen, die reichlich Kebab-, Pizza und Fast-Food-Anbieter um sich herum haben und die Schüler sich die letzten drei Jahre G 8 Betrieb ohne Mensen bereits auf diese Form der Mittagsverpflegung eingeschworen haben.

 

Herr Haas bietet mit großem Erfolg einen Spezial-Service für Lehrer an: Sie verlassen die Klasse als letztes und müssen oft als erstes wieder in den Unterricht. Wartezeiten in der Schülerschlange sind da schlecht. Die Lehrer bestellen als Einziges Essen bei ihm vor und bekommen einen bestückten Warmhaltewagen an den Lehrertisch in der Mensa. Warum nicht, wenn es der guten Laune und Verfassung unserer Lehrer dienlich ist?

 

 

4. ESSENSAUSGABE

 

Vorsicht Schlangenbildung! Tipp vom Profi, Salate, Suppen und Nachspeisen nach den Hauptspeisen anbieten, sonst klumpt es sich schon gleich im Vorfeld, wenn sich die einzelnen Schüler am Salatbuffet kreativ ihren Teller zusammenstellen. Essig, Öl, etc. an extra Tischen außerhalb der Schlage! Vorportionierte Komponenten, die sich die Schüler rasch selbst wegnehmen können. Ein Menü berechnet sich nach Anzahl der dazugehörenden Komponenten (z.B. Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise oder Salat, Beilage, Hauptspeise oder zwei Beilagen, Hauptspeise, etc.). Das System der Bezahlung muss unkompliziert dazu passen, welches Modell man auch immer auswählt.

 

Herr Haas verkauft beim Pausenverkauf Markenblöcke zum Wert von je Marke

€ 3,50. Dafür gibt es also eines der beiden Menüs oder entsprechende Komponenten. Der Schüler legt die Marke vor, sie wird mit einem X auf der Marke entwertet. Nimmt man nur eine kleine Portion, z, B. einen Salat oder einen Teller vom Nudelbuffet, kommt ein Kringel auf die Marke. Der Schüler behält diese „Halbe-Portion-Marke“ bis zur nächsten kleinen Portion.

 

Bargeld-Bezahlung ist im Ausnahmefall möglich, das Geld sollte aber abgezählt sein. Wer mit dem großen Schein kommt, muss in Stoßzeiten warten, bis der Hauptpulk durch ist. Kinder mit Marke kommen dann vorher dran. Eine Aufsichtskraft von Seiten der Schule regelt das.  Wenn es gut klappt, sind die Kinder in 15 Sekunden bei der Ausgabe durch. Zum Essen nehmen sich die meisten um die zehn Minuten Zeit.

 

Es gibt elektronische Systeme (Vorsicht mit Magnetstreifen gibt es verhältnismäßig oft Pannen), manche sind günstiger wie uns die Vertreter aus Oberhaching berichten, manche sehr leistungsstark und teuer. Da braucht man dann schon einen Sponsor, um die anzuschaffen, denn das kann man dem Caterer nicht mehr zumuten.

Bei Markenvariante und Bargeld wären sicherlich zwei Wechselgeld-Automaten sinnvoll. Vielleicht entwickelt jemand noch einen Einwurftrichter an der Ausgabe, in den die Kinder das abgezählte Geld einwerfen, ähnlich wie bei einer Maut-Stelle an der Autobahn. So muss keiner des Ausgabepersonals das Geld anfassen. Es gibt bestimmt noch viele Lösungen, auf die man erst mit der Zeit kommt. Wir haben die Patentlösung alle noch nicht in der Tasche, befinden uns in einer Experimentierphase.

 

 

5. DIE ERÖFFNUNG

 

Ein Tag der offenen Tür für Eltern muss her, bei dem sie sehen und schmecken, wie ihre Kinder essen und sie sich auch mit dem System anfreunden und Fragen stellen können. Das erspart Ärger und Missverständnisse.

 

Natürlich kriegen die Lehrer auch einen Lehrer-Tag, auch ihnen sollte das spezielle Angebot für die Lehrerschaft erklärt und schmackhaft gemacht werden.

 

Eröffnungsaktionen für die Schüler – die Idee, externe jugendliche Caterergruppen (z.B. über Mathe macchiato) zu engagieren, die profimäßigen Umgang mit Verkostung und Party-Service haben und zum Nachahmen animieren, finde ich sehr gut. Wenn Gleichaltrige sich wie Profis in einer Mensa bewegen, macht das den Schülern vor Ort vielleicht Lust auf eine eigene Catering-AG.

 

Die Erfahrung von Herr Haas: „Wenn das System das Richtige ist, kommen die Kinder auch.“ Am Starttag waren es 500 Essen, gerechnet hatten sie mit 300.

 

 

6. SOZIALES NETZ FÜR FINANZIELL-SCHWACHE KINDER

 

In der Berechnung von Harzt 4 sind für die Mittagsverpflegung pro Kind und Essen € 1,20 vorgesehen. Tja, Kinder sollten aufgrund ihrer finanziell-belasteten Familiensituation nicht vom Schulessen ausgeschlossen werden. Da müssen Fördervereine, die Landkreise und die Sozialämter tätig werden, die die Einbindung der finanziell schwach gestellten Kinder gewährleisten.

 

Für das Stadtgebiet München kann man versuchen, sich an den Münchner Adventskalender zu wenden. Sie unterstützen Kinder.

 

Mir drängt sich der Gedanke auf, nur wenn es uns allen gut geht, geht es unserer Gesellschaft gut. Auch wenn wir das aufgrund des Konkurrenzdrucks und der Vereinzelung schon ein wenig vergessen haben. Doch der gesunde Menschenverstand sagt einem, Problemfälle, die wir aufgrund von Versäumnissen und mangelnder Pflege von Lebensqualität und Fürsorge heute produzieren, lösen sich meist nicht in Luft auf. Das Motto, Hauptsache mir und meinen Kindern geht es gut und mich betrifft die Problematik ja zum Glück nicht, ist meiner Ansicht nach auf lange Sicht problematisch.

 

 

 

7. POLITISCHES

 

ATTACKE WAHLJAHR! Dieser Hinweis kommt von den streitbaren, engagierten Elternvertreterinnen aus Unterschleißheim. Am 2. März ist in München die Stadtratwahl. Vorher gestellte Forderungen haben vielleicht unter diesem Stern gute Chancen, bearbeitet und bewilligt zu werden. Eltern sollten aktiv werden!

 

Und dann wählen wir im Herbst ja auch den Bayerischen Landtag…

 

 

8. TOILETTEN- UND HYGIENESITUATION AN ÖFFENTLICHEN SCHULEN

 

Karin Christ vom Dante Gymnasium berichtet, dass aktuell die Toilettensituation an der Schule ihrer Tochter zum wiederholten Male eine Katastrophe ist. Viele Toiletten sind wegen mutwilliger Zerstörung abgesperrt. Im Familienleben macht sich das wie folgt bemerkbar: ihre Tochter trinkt zum Frühstück extra wenig, damit sie den Schultag übersteht und erst wieder, wenn sie nach Hause kommt, zur Toilette muss. Flüssigkeitsmangel ist für die Gesundheit und wie man mittlerweile weiß, auch für die Lernfähigkeit kontraproduktiv.

 

Frau Christ berichtet in diesem Zusammenhang von einer Initiative in Baden-Württemberg, die bereits in 30 Schule erfolgreich eine Toilettenfrau oder einen Toilettenmann eingestellt haben und dadurch die Situation rund um das heikle Thema deutlich verbessern konnten. Nachahmung wird empfohlen.

 

 

9. NÜTZLICHE INFO-MÖGLICHKEITEN ZUR SCHULVERPFLEGUNG

 

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat nagelneue Qualitätsstandards für Schulverpflegung veröffentlicht. www.dge.de

www.aid.de Infodienst Verbraucherschutz, Ernährung, Landwirtschaft e.V.

www.kuschu.de Kuratorium für Schulverpflegung

www.lgl.bayern.de Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

www.schulverpflegung-bw.de Ministerium für Ernährung und ländlicher Raum, Baden-Württemberg

 

Persönliches Schlusswort der Autorin:

Unser gemeinsamer Eindruck am Ende der Veranstaltung, jede Schule bastelt im Alleingang vor sich hin, mancherorts engagieren sich die Eltern. Aber das kann es nicht sein. Eine Schule mit Nachmittagsbetrieb und Schulverpflegung im Ganztagsbetrieb  braucht ein Konzept von staatlicher Seite und Qualitätsstandards, die allgemein verbindlich sind. Wie können wir Eltern in diese Richtung was bewegen?

 

Aus aktuellem Anlass habe ich mir unlängst ein Szenarium ausgemalt (ich bin von Beruf Drehbuchautorin und Regisseurin), die Eltern aus dem Wirtschaftsraum München schreiben an die Firma Nokia einen gemeinsamen Brief, indem sie aus Solidarität mit den Werksangehörigen in Bochum dem Konzern erklären, dass Münchner Eltern zusammen mit den jugendlichen Konsumenten in ihren Familien Nokia Handys boykottiere, da unsoziales Handeln nicht ohne Konsequenzen bleibt. Bei Shell ging es ja damals auch recht flott mit dem Einlenken, als es um die Ölplattform ging und viele Autofahrer nicht mehr zu ihnen zum Tanken gingen.

 

Die Dinge haben miteinander nichts zu tun, sagen Sie vielleicht. Erlauben sie mir, ich halte das für einen Irrtum. Da mögen sich die Geister scheiden und sich jeder seine eigene Meinung dazu bilden. Ich sehe, wir stehen als Bürger und Eltern mit in der Verantwortung, sind politisch unabhängig, stehen in keinerlei Abhängigkeitsverhältnis, genießen also eine große Freiheit. Das ist ein Geschenk!

Ich plädiere an die Eltern, zumindest im Rahmen der Schule die Kultur des Einmischens für sich zu entdecken und sich nicht länger in der Bequemlichkeit oder dem Gefühl der Machtlosigkeit einzurichten.

 

Kontakt:

viaschi(at)web.de Sylvia Schirmer, die Autorin des Schreibens, München, Jan. 08  

 

 

28.01.2008 12:19 Alter: 11 Jahre